Nicoleta Auersperg.
Hot to the touch
Eröffnungsrede, Musa Startgalerie, Wien 2019
Wenn man über die Arbeit von Nicoleta Auersperg spricht, kommt man nicht umhin, mit dem Material zu beginnen. Denn die intensive Beschäftigung mit den inhärenten Eigenschaften und dem Charakter derjenigen Werkstoffe, die sie zur Herstellung ihrer Skulpturen verwendet, ist stets Ausgangspunkt ihrer Arbeiten und damit natürlich auch ein erster Schlüssel für deren Verständnis. Was die Künstlerin fesselt sind Materialien, die – wie sie es selbst formuliert – ein gewisses „Potenzial“ in sich tragen, d.h. reaktive Stoffe, die auf ihre Umgebung sowie Änderungen der äußeren Gegebenheiten antworten. So etwa Stahl, Wachs und insbesondere Glas, als Hauptelemente dieser Ausstellung, die ihre Form und ihre Konsistenz verändern, wenn sie – der Titel der Präsentation lässt es erahnen – mit Hitze in Berührung kommen.
Auerspergs Auseinandersetzung mit dem Material Glas – das wie wir sehen werden, den grundlegende materiellen wie konzeptuellen Stoff dieser Ausstellung bildet – reicht in das Jahr 2013 zurück. Im Wunsch, Glas zu geometrisieren, blies sie dieses in Holzformen, die von den platonischen Körper inspiriert waren. Bereits damals faszinierte die Künstlerin die Eigenmächtigkeit, man möchte fast sagen Widerspenstigkeit flüssigen Glases, welches sich der Geometrisierung strikt widersetze und nach organischer Rundlichkeit strebte.
Die in dieser Ausstellung präsentierten Glaskörper scheinen eben diese Rundlichkeit und Organizität zu zelebrieren. Sie stellen damit die dem Material Glas genuine Eigenschaften aus, führen aber auch dessen Fähigkeit zur Transformation vor Augen. Denn in den auf farbigen Stahlarmen in einer sensiblen Balance befindlichen Formen wirkt das Glas als wäre es noch heiß, noch „hot to the touch“ und könnte jeden Moment auf den Boden gleiten oder einen seine Form auch wieder verlieren. Es ist eben dieses materielle Veränderungspotenzial, dass Auersperg in skulpturale Formen überführt. Das Material bleibt dabei auch in stillgestellter, ausgehärteter Form aktiv und verweist auf ein Verständnis von Materialität wie es in der Kunsttheorie gemeinhin unter dem Schlagwort eines „Neuen Materialismus“ zu fassen versucht wird. Material wird hier nicht mehr nur als etwas Passives verstanden, ein bloßes Hilfsmittel, das auf die zündende Idee und die gestaltende Kraft der Form wartet. Das Material wird – wie in Auerspergs Skulpturen – zum Akteur und ist im entscheidenden Maß Dialogpartner im Herstellungs- und Formgebungsprozess der Arbeiten.
Dies machen insbesondere jene Werke deutlich, deren Charakter sich der Überführung dieses intensiven Dialoges mit dem Material in eine skulpturale Form verdanken. So etwa jene prominent in der Raumflucht platzierten Skulpturen die, bestehend aus einem langen Stahlrohr, an welchem mehrere Kreisformen angebracht sind, direkt auf den Prozess der Glasbläserei zurückverweisen. Kann das Stahlrohr als Anspielung auf die Glaspfeife, als zentrales Instrument der Glasbläserei, gelesen werden, evozieren die Kreise das permanente Drehen dieser Pfeife als entscheidenden Faktor der Formgebung von flüssigem Glas. Denn dieses flüssige Glas sitzt in Kugelform an der Spitze dieser Pfeife und kann nur durch permanentes Drehen in einem gleichsamen Kampf gegen die Schwerkraft dort gehalten und über das Einblasen von Luft geformt werden. So betrachtet erhalten die Skulpturen eine entscheidende Dynamik. Plötzlich scheint ihnen eine Bewegung inhärent, die auf die Interaktion – oder wie die Künstlerin es nannte den „Tanz“ – mit dem Material Glas zurückverweist. Der spezifische Formfindungsprozess als intensiver Dialog mit dem Material wird hier in einer Skulptur stillgestellt und bleibt dennoch auf einer imaginativen Ebene als Spannung und den Objekten eigene Vitalität präsent.
Eine vergleichbare Form stillgestellter Handlung charakterisiert die einbeinigen Sitzskulpturen der Künstlerin, auf die noch auf anderer Stelle zurückzukommen sein wird. Wie Melkschemeln können diese nur über die Benützung von Menschen stehen und als Sitzgelegenheit dienen. Das heißt, sie entfalten ihre Funktion erst in der Interaktion bzw. in der aktiven Verwendung. Aus einer kunsthistorischen Perspektive fühlt man sich hier an Franz Erhardt Walthers „Werksätze“ ebenso wie an Franz Wests „Passstücke“ erinnert, die den Körper der Betrachtenden bewusst mit einbezogen.
Doch ist Auerspergs Skulpturen eine etwas andere Stoßrichtung eigen. Fast scheint es, als dass durch das Verständnis des Materials als Akteur – welches durch den performativen Charakter der Skulpturen zusätzlich unterstrichen wird – sich ihren Werken eine eigene Form von Vitalität einschreibt, die sie aus dem Status stummer Objekte hebt und selbst zu Körpern und aktiven Protagonisten ihrer Ausstellung macht. Und sie werden sehen, dass der Körper auch in anderen Ebenen in dieser Ausstellung sehr präsent ist.
Ein weiterer Aspekt von Nicoleta Auerspergs Arbeiten ist, dass diese Protagonisten oft Referenzen zu Objekten ausbilden, die uns im Stadtraum begegnen. Und so haben sie sich in Hinblick auf die bereits erwähnten Arbeiten, vielleicht selbst schon gefragt: Erinnern diese nicht an dysfunktionale Straßenlaternen, an Fahnenstangen oder drehbare Schemel auf öffentlichen Plätzen?
Es ist ein zentraler Punkt von Auerspergs Arbeiten, dass sie nie in einer reinen Material- und Medienspezifität verharren, sondern sich immer in einem erweiterten durchaus politischen Feld begreifen. Denn „Formgebung“ bzw. „Formfindung“ ist für die Künstlerin auf einer metaphorischen Ebene stets auch eine Reflexion darauf, wie die Gesellschaft unser Denken und Handeln „formt“. Dabei ist der öffentliche Raum materieller Spiegel dieser formgebenden Prozesse. Denn es ist ein Ort der voll ist von dezenten Anregungen zum gewünschten Gebrauch und damit den unterschwellig präsenten gesellschaftlichen Übereinkünften, die unser Handeln und Denken prägen, Gestalt verleiht.
Im Rahmen dieser Präsentation setzte sich Auersperg explizit mit der sogenannten defensiven oder auch feindlichen Architektur auseinander, also allen architektonischen Formen, die eine bestimmte Nutzung von Plätzen und Objekten im Stadtraum verhindern soll – seien es Sitzgelegenheiten, die ein längeres Verweilen verunmöglichen, Taubenspikes, Abgrenzungen oder Absperrungen. Und es ist natürlich kein Zufall, dass sie die formalen Eigenschaften defensiver Architektur gerade in jenen einbeinigen Sitzskulpturen aufgreift, die ihre Sitzfunktion einzig über ihre Benützung durch die Betrachtenden erhalten würden. Indem sie diese mit abwehrenden Bolzen besetzt, generiert Auersperg eine mit Spannung geladene Ambivalenz. Es ist diese Widersprüchlichkeit die einerseits über den Verweis auf defensive Architektur den Stadtraum als uns bestimmenden Handlungsraum explizit macht, andererseits wird darüber nicht weniger als die sehr alte Frage nach der „Funktion“ bzw. „Funktionslosigkeit“ von Kunst aufgeworfen – und dies nicht zuletzt da Kunstwerke immer häufiger im öffentlichen Raum als defensive Architektur Verwendung finden.
Und auch wenn heute Abend auf die Frage der Funktion oder Funktionslosigkeit von Kunst voraussichtlich keine schnelle Antwort gefunden werden kann, so lädt uns Nicoleta Auersperg mit ihren Arbeiten auf jeden Fall dazu ein, sensibler zu werden in der Begegnung mit den uns im Alltag umgebenden materiellen Dingen, diese nicht als stumme Objekte, sondern als Akteure und Dialogpartner zu begreifen, die uns im Endeffekt auch viel über die stillen Übereinkünfte unserer gesellschaftlichen Ordnung verraten können.